Ein Kommentar zur wichtigsten Verleihung der Kochwelt

Ab Juni zittern die Knie. Das was am 17.06.2025 passiert, kann lebensverändernd sein, entscheidend über den Untergang oder den Höhenflug. Die Rede ist von der wohl wichtigsten Preisverleihung deutscher Kulinarik: Die Michelin Guide Sternevergabe.
Es ist der 10.06., eine Woche vor der Verleihung, und der Stern muss kommen. Die Zahlen diesen Jahres sind so schlecht wie noch nie. Nicht selten bleibt das Restaurant zu oder hält sich mit 4 Gästen über Wasser. So viel Arbeit, Zeit, Tränen und Hoffnung stecken in diesen vier Wänden. Kommt der Stern, bedeutet das Traffic und ein ausgebuchtes Restaurant für den unbestimmten Zeitraum X. Diese Welle will geschwommen werden, es bedeutet neue Möglichkeiten, Liquidität, Spielraum und den ganz persönlichen Erfolg. Den ultimativen Beweis, dass man etwas drauf hat, dass sich die Arbeit gelohnt hat.
Auf der Kehrseite der Medaille steht die zweite Phase der Angst. Nach langem bangen ob der Stern überhaupt eintrudelt, beginnen nun die Horrorvorstellungen, ihn wieder zu verlieren. Was für eine Blamage das wäre. Also wird das Personal aufgestockt, die Besucherzahlen steigen, die Kreativität muss sprudeln und der Druck steigt unermesslich.
Dieser Spagat ist nervlich nicht immer gut zu stemmen, sodass einige KöchInnen sich gegen die Prämierung entscheiden. Sie bleiben damit freier, da sie sich nicht den Kategorien der Branche beugen müssen.
Diese Wirkungsmacht liegt in den Händen einer unbestimmten Menge an TesterInnen (falls Frauen dort überhaupt vertreten sind) und unterliegt unbekannten Kriterien, um die sich etliche Mythen ranken: Sterne gibt’s nur für das Essen und der Service ist egal, TesterInnen kommen zu zweit, TesterInnen kommen allein, sie bestellen das kleinstmögliche Menü, sie bestellen die gesamte Folge plus Weinbegleitung, sie stellen Fragen und zwar die gleichen Fragen an verschiedene MitarbeiterInnen, sie sind männlich, über 50 Jahre alt und im Anzug. Es sollen ehemalige KöchInnen sein mit mindestens 10 Jahren internationaler Erfahrung. Es sollen insgesamt 12 in Deutschland sein, und jedes Restaurant wird von mindestens zwei verschiedenen TesterInnen besucht und und und…
Dieser Mythos, oder diese Legende, ist wohl der Reiz und die Verdammnis gleichermaßen. Rätsel faszinieren seit jeher und bringen Magie in tristen Alltag. Als ausgeklügeltes Phänomen wären die Michelin Sterne ein schönes Wunder der Neuzeit, wenn dieses Rätsel nun etwas weniger existenzgefährdend wäre. Ohne diesen Mythos gäbe es wohl schärfere Kritik, es könnten Verantwortliche gefunden werden, es würde eine Reihe Nachfragen und Rechtfertigungen für misslungene Hauptgänge geben und mit Sicherheit Drohbriefe an die TesterInnen im Persönlichen und Anfeindungen an das System im Allgemeinen. Denn letzten Endes maskiert ein schillernder Stern bloß den kapitalistischen Grundgedanken einer Branche die oft den Überfluß zum Standard macht und sich dem Großteil der Gesellschaft entzieht. Ganz zu schweigen von den Arbeitsbedingungen der KöchInnen und Service Mitarbeitenden.
Andererseits, ohne diesen Drive, ohne das unaufhörliche Streben nach Ruhm und Anerkennung wäre die Magie wohl verloren. Die Perfektion in Darbietung und Geschmack wäre weniger im Fokus, mehr die Wirtschaftlichkeit an sich. Was wäre all die Aufopferung wert ohne eine öffentliche Wertschätzung? Diese rote Plakette ist Beweis einer fast unvorstellbaren Errungenschaft, die Michelin Blume ein Full Circle Moment mit Höhen und Tiefen.
Schaut man die Verleihung, sieht man glückliche Gesichter mit glasigen Augen, Umarmungen und Erleichterung. Es geht weiter, KöchInnen hassen und lieben dieses System, aber für den Moment hat sich alles gelohnt. Für mich sind Michelin Sterne eine Währung und Kunstform in einem, und ich bin gespannt zu sehen, wer sich auch im nächsten Jahr dazu entscheidet, sich auf welche Weise auch immer dem zu verschreiben.